Amritsar – Der Goldene Tempel

27. August 2015

Menschen 60
Essen 60
Urlaubsfeeling 40

0 – Geht gar nicht
20 – Ohje, ohne Worte
40 – Ist bzw. sind Ok, könnte aber besser sein

Sehenswürdigkeiten 60
Sicherheit 60
Gesamteindruck 60

60 – Passt
80 – Prima, wir bleiben gerne länger
100 – Perfekt, wir wollen nicht mehr weg

Es 05:30 Uhr Delhi Ortszeit. Der Wecker klinget. Wir sind total verschlafen, müssen aber aufstehen um unseren Zug nach Amritsar nicht zu verpassen. Der Zug fährt täglich um 7:20 Uhr vom New Delhi Bahnhof ab. In Indien ist es üblich ca. eine Stunde vor Abfahrt am Bahnhof zu sein. Wir packen unsere Rucksäcke und machen uns auf dem Weg zum Bahnhof. Alles klappt ohne Probleme. Am Bahnhof angekommen, wird unser Gepäck wie im Flughafen durchleuchtet. Auch wir müssen durch den Metalldetektor. Richtig geprüft wird weder unser Gepäck noch wir. Diese alibi Kontrollen sind mir bereits aus China bekannt, auch hier habe ich schon nicht verstanden was sie bringen. Naja, wir lassen es über uns ergehen.

Am Bahnsteig angekommen wirkt alles sehr organisiert. Über kleine LED Tafeln wird genau angezeigt an welchem Ort auf dem Bahnsteig man warten muss. Ich frage mich, ob es bei der indischen Bahn ähnliche Probleme gibt wie bei uns. Man kennt das ja aus Deutschland – „Der Zug verkehrt heute in umgekehrter Wagenreihung“ – Was dann wohl hier passiert!? Kennen Sie diese Probleme überhaupt? Mir bleibt eine Antwort auf meine Fragen verwehrt. Bei uns klappt alles. Der Zug kommt pünktlich an und wir nehmen auf unseren großzügigen Ledersitzen in der CC Klasse platz. Hinter uns sitzen mehrere ältere Pärchen aus Deutschland. Vermutlich aus Bayern.

Die sieben stündige Zugfahrt ist sehr angenehm und geht relativ schnell vorüber. Zwischendurch gibt es immer wieder Tee, eine warme Mahlzeit und ausreichend Wasser. Dies ist alles im Zugticket für 700 Rupie (ca. 7 €) pro Person enthalten. Hier kann sich die Deutsche Bahn mal ein Beispiel dran nehmen. Wir schlafen, arbeiten und haben viel Spaß mit einem kleinen indischen Jungen dem unser MacBook sehr gut gefällt.

In Amritsar angekommen steht direkt vor dem Bahnhof der gelbe Bus den wir suchen. Diese gelben Busse fahren regelmäßig kostenlos zum Goldenen Tempel. Amritsar ist noch voller, lauter und dreckiger als Delhi. Die Luft ist zum zerschneiden dick. Mitten im Smog fahren wir im rappelvollen Bus mit vielen weiteren Pilgern zum Goldenen Tempel.

Hier angekommen werden wir sofort freundlich begrüßt. Die Menschen, im speziellen die Sikh, sind deutlich freundlicher als die Inder, welche wir bisher kennen gelernt haben. Ein freundlicher Sikh zeigt uns den Weg zur kostenlosen Unterkunft für Ausländer. Die Unterkunft ist ein Bettenlager in dem bereits einige andere Backpacker schlafen. Wir haben Glück und bekommen sogar ein eigenes Zimmer. Wir verstauen kurz unsere Sachen und machen uns auf zum Goldenen Tempel.

Das Tempelgelände ist nur ca. 50m von der Unterkunft entfernt. Am Eingang geben wir unsere Schuhe ab und verhüllen unsere Köpfe mit einem Tuch. Barfuß betreten wir den Tempel. Schon am Eingang merkt man, dass man sich hier an einem ganz besonderen Ort befindet. Die meditativen Mantren, welche aus den unzähligen Lautsprechern schallen, werden immer lauter. Wir gehen weiter und dann sehen wir Ihn, den goldenen Tempel. Das Heiligtum der Sikhs. Er befindet sich in der Mitte des Tempelgeländes und ist umgeben von Wasser in welchem Fische schwimmen. Die Sikh nennen dieses Wasser Nektar. Das chaotische indische Leben, hat hier keinen Platz. Kein Hupen, kein Geschrei, kein Smog.

Amritsar

Im Uhrzeigersinn laufen die Pilger um den Tempel. Wir reihen uns ein und lassen diese ganz besondere Stimmung auf uns wirken. Viele Pilger begrüßen uns freundlich. Einige wollen Fotos mit uns machen. Caro bekommt mehrere kleine Kinder auf den Arm und wir freuen uns, dass wir diese besonderen Menschen mit unseren Fotos glücklich machen. Wir setzen uns kurz um die Atmosphäre besser auf uns wirken zu lassen. Ein junger Sikh setzt sich zu mir. Er ist für zwei Wochen mit seiner Familie hier, um für seine kranke Mutter zu beten welche Krebs im Endstadium hat. Es entwickelt sich ein interessantes Gespräch. Er möchte viel von unserer westlichen Welt wissen. Welche Filme ich schaue, welche Musik ich höre und welche Schauspieler ich gut finde. Zu meiner Überraschung kennt er ziemlich viele gute und auch sehr viele aktuelle Filme und Schauspieler. Pulp Fiction und Fight Club kennt er aber noch nicht. Ich empfehle sie Ihm natürlich sofort. Wir unterhalten uns aber auch über Politik, Wirtschaft und viele weitere Themen. Er erzählt mir von seinen Wünschen und Träumen. Es ist äußerst interessant für mich zu erfahren, wie er denkt und fühlt, da er genauso alt ist wie ich. Er erzählt mir, dass er wie auch viele seiner Freunde in die USA, Kanada oder Europa wollen, da Sie für sich keine Zukunft in Indien sehen. Indien sei zu korrupt und zu langsam dringend notwendige Reformen umzusetzen. Alle gut gebildeten Inder würden bei großen westlichen Firmen anfangen um früher oder später dann in diese Länder auszuwandern. Ich bin überrascht von seiner Einstellung und versuche ihm Mut zuzusprechen. In dieser Situation wird mir mal wieder klar, wie gut es uns in Deutschland eigentlich geht und wie wenig wir dies häufig wertschätzen.

Wir bekommen Hunger und der nette junge Sikh nimmt uns zum essen mit. Das besondere am Goldenen Tempel stellt die Verpflegung dar. Täglich werden hier mehrere zehntausend Pilger kostenlos verpflegt. Dies wird einerseits durch Sikhs, welches im Tempel direkt angestellt sind, realisiert andererseits durch sehr viele freiwillige Helfer. Diese schneiden Gemüse, waschen ab oder verteilen z.B. die Speisen.

Vor dem Speiseraum angekommen, erhalten wir einen Teller einen Löffel und ein Gefäß für Wasser. Anschließend werden wir in den großen Speiseraum geleitet. Auf langen Teppichbahnen sitzen sich die Pilger im Schneidersitz gegenüber. Wir reihen uns ein. Drei Männer kommen vorbei und füllen unsere Teller mit einer großen Kelle aus ihrem Blecheimer. Es folgen zwei weitere Männer. Einer füllt unser Wassergefäß mit einer Art fahrbaren Tonne. Der andere reicht uns Chapati-Brot. Wichtig ist dabei, dass man das Brot mit beiden Händen entgegen nimmt. Dies gilt als Zeichen der Demut und Dankbarkeit, wie uns der junge Sikh erklärt. Da es den Sikhs nicht erlaubt ist Fleisch zu essen, ist die Mahlzeit vollkommen vegetarisch. Es gibt eine Art Linsensuppe, ein Gemüsecurry sowie als Dessert eine Art Milchreis. Dazu das Chapati-Brot und Wasser. Alles ist äußerst lecker. Das beste ist, man kann sich soviel Nachschlag holen wie man möchte. Nach dem Essen geben wir unser Geschirr bei einem der vielen freiwilligen Helfer ab, wo es im Anschluss in mehrerer Waschgängen wieder gesäubert wird.

Während unserer Zeit in Amritsar besuchen wir immer wieder das Tempelgelände. Wir saugen die Stimmung auf, schauen den Pilgern dabei zu wie sie sich im Nektar, dem Wasser welches den Goldenen Tempel umgibt, rituell reinigen und genießen einfach mal das nicht so hektische indische Leben. Während unserer Zeit im Tempel fragen wir uns immer wieder ob die Mantren, Gebete und Gesänge, welche durch die Lautsprecher schallen, vom Band kommen oder wirklich „live“ sind. Diese Frage wird uns an unserem letzten Tag im Tempel beantwortet, als wir das allerheiligste den Goldenen Tempel selbst besuchen. Um in den Tempel zu gelangen muss man sich an einer langen Schlange anstellen. Wir warten ca. 30 Minuten bevor wir im inneren des eigentlichen Tempels stehen. Mehrere heilige Sikhs sitzen vor uns, eingerahmt von einem kleinen kniehohen Zaun. Einer von Ihnen sitzt vor einem sehr, sehr großen Buch, welches ca. 3 m breit ist. Er hat ein Mikrofon vor sich und spricht und singt in gerade zu hypnotischer Art und Weise Gebete, Mantren und Gesänge. Nun ist unsere Frage beantwortet und wir wissen, dass hier nichts vom Band kommt sondern alles „live“ übertragen wird. Wahnsinn. Bevor wir den Tempel wieder verlassen, setzen wir uns noch einige Zeit zu den Pilgern in die zweite von drei Etagen und gehen in uns. Dies ist wirklich ein ganz besonderes Erlebnis. Es ist nicht selbstverständlich, dass man als angehöriger einer fremden Religion in das allerheiligste dieser Religion vordringen darf. Im Vergleich mit fast allen anderen Religionen ist dies etwas Einmaliges.

Zum Abschluss unserer Zeit in Amritsar sind wir den Sikhs äußerst dankbar. Wir haben nette, gastfreundliche Menschen getroffen, welche uns einen großen Einblick in Ihre Religion gegeben haben. Wir haben eine kostenlose, saubere und sichere Unterkunft sowie kostenlose Mahlzeiten erhalten. All dies ist nicht selbstverständlich. Wir werden die Zeit in Amritsar in sehr guter Erinnerung behalten und bei jedem treffen mit einem Sikh uns hieran zurück erinnern. Vielen Dank an alle Sikhs dieser Welt.

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6 comments

  1. Comment by Sabine

    Sabine Reply 29. August 2015 at 5:59

    Hi Christoph,

    jetzt seid ihr beiden ja schon (für Euch sicher endlich 🙂 ) unterwegs! Ein toller Bericht auf einer toll designten Website, wir freuen uns noch mehr von Euch zu lesen. Wir wünschen Euch eine einmalig wunderschöne Reise – und vielleicht treffen wir uns ja irgendwo in der großen weiten Welt noch 🙂
    Viele Grüße aus Australien & safe travels,
    Sabine & Uli

    • Comment by Christoph

      Christoph Reply 29. August 2015 at 10:39

      Hey ihr beiden,

      schön, dass euch unser Beitrag gefällt 🙂 Vielleicht klappt es ja wirklich mal und wir treffen uns irgendwo…
      Wir wünschen euch auch noch gaaaanz viel Spaß auf eurer Reise!

      Gruß
      Caro & Christoph

  2. Comment by Patrick

    Patrick Reply 27. August 2015 at 20:42

    Hallo Ihr Beiden,
    auch ich kann das gut nachempfinden. Der goldene Tempel hat auf mich eine genauso große Wirkung gehabt. Besonders in der Dunkelheit ist das Wahnsinn. Viel Spaß Euch noch. Außerdem – ich sag doch, gebt Indien ein bisschen Zeit – es scheint, als erobert nicht nur Ihr das Land, sondern das Land auch Euch ;).
    Gruß Patrick

    • Comment by Christoph

      Christoph Reply 28. August 2015 at 5:52

      Hey Patrick,

      du hattest vollkommen recht, dem Land muss man Zeit geben. Durch deine tollen Routenvorschläge, kommen wir aber auch derzeit an sehr schönen Orten in Indien vorbei… McLeod ist auch super 🙂

      Gruß
      Christoph

  3. Comment by Michael Reichardt

    Michael Reichardt Reply 27. August 2015 at 19:22

    Hallo, Ihr beiden, es ist faszinierend für mich, wenn ich Euern Beitrag lese. Als damaligen DDR-Bürger war das für mich eine absolut irre und spannende Erfahrung, einzutauchen in eine vollkommen andere Welt. Mein Kollege und ich haben uns danach noch die ganze Nacht unterhalten und mussten das einfach verarbeiten. Allerdings haben wir uns damals geschworen, niemand anderem von unseren damaligen Gedanken in der DDR zu erzählen. Es ist einfach schön, dass ich nun von Freunden hier in Büttstedt nochmals meine Reise in Indien 1983 noch einmal nachempfinden kann. Weiterhin viele spannende Eindrücke und ich warte schon auf den nächsten Bericht, Ihr macht das wirklich gut. LG Michael

    • Comment by Christoph

      Christoph Reply 28. August 2015 at 5:50

      Hey Michael,

      es freut uns, dass du durch unsere Berichte auch nochmal an deine Indien Reise erinnert wirst! Wir hoffen, dass wir dich mit unseren nächsten Beiträgen weiter an deine Zeit in Indien zurück erinnern lassen können.

      Gruß
      Christoph

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